Wiedersehen: The Wire

Aufgrund eines Seminars waren die letzten Wochen geprägt von abend­lichen The Wire-Sichtungen und zahl­reichen Diskussionen rund um die zwischen 2002 und 2008 aus­ge­strahlte Serie. Zwei interessante Video-Fund­stücke, die mir bei meinen Recherchen zur Fernseh­serie in die Hände fielen, sollen hier kurz vorge­stellt werden.


Wie groß das Interesse an der hoch­gelobten Fernseh­serie immer noch ist, beweist eine Reunion-Podiums­diskussion im Rahmen des Paley Center for Media’s PaleyFest 2014. Im sonst nur mit Panels zu aktu­ellen Produk­tionen wie Archer, Hannibal oder The Walking Dead bestückten Programm zog die in Teilen nostal­gische Gesprächs­runde dennoch große Aufmerk­samkeit auf sich. Moderiert von Alan Sepinwall, TV-Kritiker und Autor von The Revolution Was Televised (2012), versammelte sich eine illustre Runde von Schau­spieler­Innen der Serie ergänzt um Executive Producer Nina Noble und den Autor der Vorlage Homicide: A Year on the Killing Streets (1991), zahl­reicher Episoden der Serie und Showr­unner David Simon. Allein die wohl bekanntesten Schau­spieler Dominic West (The Hour, The Affair), Idris Elba (Luther) und Lance Reddick (Fringe, Lost, OZ) fehlten.

Der Diskussion schadet diese Abwesen­heit jedoch nicht, viele – aus fernseh­wissen­schaftlicher Perspektive – interessante Themen wie die erst durch Wieder­aus­strahlung und vor allem DVD-Verkäufe zu­nehmende Popu­larität der Serie oder den stets im aka­demischen Diskurs bemühten Realismus werden auf­geworfen. Wer sich selbst einen Ein­druck von Kima, The Bunk oder Marlo Stan­field sechs Jahre nach dem Ende von The Wire ver­schaffen will, sollte unbedingt in den einge­betteten Mit­schnitt hinein­sehen.

Ein weiterer Fund, der sich mit The Wire aus­einander­setzt, hat mich in zweier­lei Hin­sicht fas­ziniert. Die keine drei Minuten langen „Extra Credit“-Videos von Andrew Dignan, Kevin B. Lee und Matt Zoller Seitz fassen die ästhe­tischen und narra­tiven Merk­male und Besonder­heiten des Vorspanns zur Serie sehr dicht und konzen­triert zusammen. Für die fünf Staffeln der in Baltimore spielenden Pro­duk­tion wurde stets ein eigener Vorspann erstellt, dessen Ein­stellungen sich explizit auf die Hand­lung der jewei­ligen Staffel beziehen. Staffel­über­greifende Kohärenz wird vor allem durch den von Tom Waits geschrie­benen Song „Way Down in the Hole“ her­ge­stellt, der aller­dings jede Staffel von anderen Inter­preten ein­ge­spielt wurde. Passend zu den fünf Vor­spannen bietet das Moving Image Source-Portal des New Yorker Museum of the Moving Image fünf Video­ana­lysen an. Diese lassen sich zum einen aus­ge­zeich­net in der Lehre als Bei­spiel­analysen ein­setzen, die demon­strieren, wie viele filmische und tele­visuelle Ver­fahren sich allein in einer kurzen Vor­spann­sequenz identi­fizieren und inter­pretieren lassen. Zum anderen lässt sich durch die pointierten Unter­suchungen eine Strategie er­kennen, die Sarah Cardwell (2007) auch für Serien wie Six Feet Under oder The West Wing fest­stellt.

Durch Ver­fremdung und Abstrak­tion wird bewusst der Eindruck von Inszenierung er­weckt, um so die Zuschauer­Innen zur Suche nach tieferen Bedeu­tungen zu motivieren: „a strange ’staged‘ quality, implying that the image is there for a symbolic purpose – it asks to be interpreted“ (29). Dies schlägt sich in den The Wire-Vor­spannen in der Montage kurzer Ein­stel­lungen nieder, die für den eigentlich in der Serie vor­herr­schenden Stil mit ungewöhn­lichen kräftigen Farben und einer rhythmi­sierten Choreo­graphie von Bewe­gungen und vielen Schwenks zu „Way Down in the Hole“ auf­warten. Dies scheint bewusst mit der an­sonsten ange­strebten Mischung aus Realismus und Natura­lismus, die vor allem durch eine dokumen­tarische Kamera­führung, die Rekru­tierung von Schau­spieler­Innen aus Baltimore sowie den spär­lichen Ein­satz extra­die­getischer Musik erreicht werden. Letzterer beschränkt sich auf eine größten­teils von intra­diegetischem Ton befreite Mon­tage zu einem Song im jewei­ligen Staffel­finale, wodurch die Musik im Vor­spann eben­falls zur Distan­zierung von der Handlung und Ästhetik der Episoden selbst führt.

Die Analyse des Vor­spanns der ersten Staffel von The Wire kann direkt hier an­ge­schaut werden, Links zu allen weite­ren Unter­suchungen finden sich im Begleit­artikel zum Video.

Literaturverzeichnis

Cardwell, Sarah. 2007. „Is Quality Television Any Good? Generic Distinctions, Evaluations and the Troubling Matter of Critical Judgement.“ In Quality TV. Contemporary American Television and Beyond, hrsg. von Janet McCabe und Kim Akass, 19-34. London: Tauris.