Netflix und der Tod des Fernsehens

Letzte Woche nahm Sven die Netflix-Kopro­duktion Between zum Anlass, die jüngere Geschichte – und ins­besondere das original programming – des Streaming-Unter­nehmens Revue passieren zu lassen und rief am Ende die „Revolution“ aus. Deshalb nun ein leises „Nicht so schnell…“ von mir hinterher.


„Da kann das (Programm­medium) Fernsehen schlicht nicht mehr mit­halten. Und so muss ich es schließ­lich einfach eingestehen: es war doch eine Revolution, damals: Anfang 2013!“ Mit diesem Ausruf endet Svens Plädoyer für die Innovations­kraft von Netflix, das Unternehmens­mitgründer Reed Hastings auf die Spitze treibt:

Heute sieht jeder Mensch auf der Welt das alte, lineare Fernsehen. In den nächsten 20 Jahren wird Internet-TV immer weiter wachsen und das lineare Fernsehen ersetzen. So wie das Handy das Festnetz-Telefon ersetzt hat. (Reed Hastings im Interview mit Bild)

All die Post-TV-Theoretiker­Innen sehen sich bestätigt und man kann sich die Sorgen­falten deutscher Intendant­Innen als tiefe Schluchten vorstellen beim Anblick der verhältnis­mäßig neuen Konkurrenz aus dem ominösen Internet. Und tatsächlich bieten Streaming-Portale wie Netflix, Hulu, Maxdome oder Watchever andere Rezeptions­möglich­keiten an, als es die uralten Fernseh­sender für gewöhn­lich tun. Wie neuartig diese Seh­weisen gerade von Serien jedoch sind, steht dabei auf einem anderen Blatt. Die Erst­ver­öffent­lichung in Form einer gesamten Staffel mag unge­wöhnlich, ja sogar neu sein, diese Staffel jedoch gesamt oder größten­teils en bloc anzuschauen, ist mindestens so alt wie die DVD-Box. Gerade nicht-amerikanischen Zuschauer­Innen, die sich nicht auf illegalen Wegen ihren US-Serien-Fix (natürlich in der OV) beschaffen wollten, blieb lange Zeit keine andere Möglich­keit als auf die DVD-Publi­kation zu warten.

Die Erst­ausgabe einer Staffel in ihrer Gesamt­heit könnte jedoch Auswirkungen auf ihre Produktion haben, schließ­lich müssen alle Episoden bei Veröffent­lichungs­beginn bereits fertig­gestellt sein. Und tatsächlich prophezeit Hastings hier revolutionäre Veränderungen:

Heute ist Netflix in 50 Ländern verfügbar, Ende 2016 sollen es 100 sein. Dann können wir aufhören, uns an die klassischen TV-Regeln zu halten. Wir können einzelne Folgen unterschiedlich lang machen. Wir brauchen keine Cliff-Hanger [sic] mehr und müssen in den ersten Minuten einer Episode nicht mehr erklären, was zuvor passiert ist. (ebd.)

Diese drei Ausblicke klingen zunächst sehr einleuchtend, beinhalten allerdings mehrere problematische Annahmen, die ich – ebenso wie die Revolutions­kraft von Netflix abgekoppelt vom Fernsehen – in Frage stellen möchte:

Die Praxis, die Länge von Serien­episoden je nach erzählerischem Erfordernis zu variieren, ist dem Fernsehen keineswegs fremd – zumindest wenn man HBO als Teil des Fernseh­systems betrachtet (it’s TV after all). Game of Thrones oder True Blood weisen Lauf­zeiten einzelner Folgen auf, die sich um bis zu 25% unterscheiden. Zugegeben, bei den klassischen Networks mit ihrem präzise getakteten Programm lässt sich dies nicht beobachten, aller­dings gibt es erste Anzeichen dafür, dass auch dieser Takt nicht mehr unum­stößlich ist. Die CBS-Produktion The Good Wife entzieht sich dem klassischen Raster aus kurzem cold open, Vorspann und Werbe­pause, die erste Unter­brechung beginnt hier mal nach acht und mal erst nach 17 Minuten. Gleich­zeitig stellt sich die Frage, ob eine noch größere Varianz der Episoden­länge beim Publikum auf Gegen­liebe trifft. Schließlich geht diese nicht nur auf das Programm­schema des Fernsehens, sondern auch auf den ebenso eng getakteten Alltag von Zuschauer­Innen zurück. Eine Episoden­dauer von maximal einer Stunde dominiert den US- und auch den deutschen Serien­markt nicht von ungefähr – und ist darüber hinaus ein Abgrenzungs­merkmal gegenüber Spiel­filmen. Und welche regel­mäßigen Serien­konsument­Innen kennen nicht den Gedanken „Einen ganzen Film gucken? Das ist mir jetzt zu viel, lieber noch schnell eine Episode Lost, bevor es ins Bett geht.“ (Hier zeigt sich die ganze Macht serieller Erzählungen, wenn man dann doch bei zwei oder sogar drei Episoden hängen bleibt, und zeitlich ebenso ein Film in Frage gekommen wäre.)

Was die Abschaffung von previously ons angeht, scheint Hastings auch hier seinen Fokus sehr stark auf die Menschen zu richten, die flexible binge watching mit stärkerer Tendenz zum binge prakti­zieren. Ob ein Verzicht auf dieses Segment den Zuschauer­Innen entgegenkommt, die eine eher verzögerte Rezeption vorziehen, darf bezweifelt werden. Anderer­seits trifft dieses Argument auch auf DVD-Boxen zu, schließ­lich enthalten diese nur selten die ursprüng­lich den Episoden voran­gestellten Kurz­zusammen­fassungen vorheriger Gescheh­nisse.

Dies bringt mich zum letzten Punkt, den Hastings in seiner Glas­kugel wahrgenommen hat: das Ende des Cliff­hangers. Spätestens hier zeigt sich, dass dem Netflix-Mitbe­gründer nicht nur das Verständnis für Dramaturgie zu fehlen scheint, sondern auch ein Bewusst­sein für die kulturelle Bedeutung von Enden. Solange Serien­staffeln – ob nun komplett oder von Woche zu Woche – unter­teilt in Episoden angeboten werden, werden Zuschauer­Innen insbesondere der letzten Sequenz einer Folge weiterhin besondere Aufmerk­samkeit schenken. Die vielleicht auch nur kurze Unter­brechung bis zur nächsten Episode oder Beschäftigung gibt Zeit zum Nachdenken, und dabei steht wohl zumeist das zuletzt Gesehene im Vorder­grund. Ob Netflix oder die Episoden­autor­Innen wollen oder nicht, dem Schluss eines Textes oder Text­teils wird – schon aus literarischer, filmischer und televisueller Gewohn­heit und Erfahrung heraus – besondere Bedeutung zugemessen. (Hier zeigt sich vielleicht ein Vorteil des Episoden­schemas von werbe­finan­zierten Sendern, das gezwungener­maßen mit mehreren Zwischen­stopps operiert.) Davon abgesehen ist der Cliff­hanger im Fern­sehen keines­wegs eine unab­dingbare Zutat gewesen, alle episodischen Serien von I Love Lucy bis CSI hätten sonst wohl kaum überlebt.

Allerdings zielt Hastings mit seiner Aussage wohl auf etwas Anderes ab: die Serien­staffel, die ohne Rück­sicht auf Episoden­grenzen erzählt. Dies wäre tatsäch­lich ein revolutionärer, mit jeglichen Erzähl­techniken und -regeln des Fernsehens brechender Schritt. 13 Stunden House of Cards am Stück, ohne intendierte Episoden, nur von den Zuschauer­Innen durch pausieren unter­brochen, zur Seite gelegt wie ein Buch. Dann hätten die Feuilletonist­Innen endlich ihren Fernsehroman, eine Serie wäre dies jedoch wohl nicht mehr.

Ein Gedanke zu „Netflix und der Tod des Fernsehens

  1. Die Handhabung des „previously on…“ auf der DVD-Veröffentlichung ist von Serie zu Serie unterschiedlich. Gerade bei den Serien der großen Networks (und deren Ablegern) werden sie auf der DVD i.d.R. der Episode vorangestellt – ob man nun will oder nicht. Dies trifft m.E. vor allem auf „cliffhanger-orientierte“ Dramaserien zu, so sind die Recaps zu Episodenbeginn z.B. auf den DVD-Boxen von Pretty Little Liars (ABC Family) oder Grey’s Anatomy (ABC) der Regelfall.
    Andere, von Pay-TV-Sendern stammende, Formate wie Breaking Bad oder Mad Men lassen die Recaps auf den DVD-Veröffentlichung gleich ganz weg. Neueste Publikationen lassen nunmehr sogar dem Zuschauer die Wahl, ob den Episoden ein „previously on…“ vorangestellt werden soll oder nicht.
    Der Einsatz von Recaps auf der DVD könnte auch „genre-abhängig“ sein – so werden bei Sitcoms i.d.R. keine Zusammenfassungen bisheriger Handlungsstränge an den Episodenanfang gestellt. Auch hier scheint das Erzählkonzept eine Rolle zu spielen: Die größtenteils in sich geschlossenen Episoden machen eine Recap weitestgehend obsolet. Ausnahmen bestätigen allerdings auch hier die Regel: Ab und an erhalten einschlägige Episoden von The Big Bang Theory oder Friends, die an einen Cliffhanger oder an ein Staffelfinale anschließen, ein „previously on…“.

    Die DVD-Boxen haben sich anscheinend nicht universell von der Recap verabschiedet. Hieran schließt sich natürlich die Frage an, inwiefern die Recap ein integraler Bestandteil seriellen Erzählens ist. Vielleicht ließe sich dies anhand der DVD-Veröffentlichungen untersuchen, da diese zum einen auf das Erzähl- und Sendekonzept der jeweiligen Serie schließen lassen und zum anderen auch genau in diesem Gefälle zwischen regulärer, wohlportionierter TV-Ausstrahlung und flexible binge-watching operieren.

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