Gastbeitrag: Drei Tage Arbeit und Vergnügen – 28. FFK in Mannheim

Ende März fand das Film- und Fernseh­wissenschaftliche Kolloquium in Mann­heim statt, und da wir an der Orga­nisation betei­ligt waren, wollten wir nicht selbst einen Tagungs­bericht schreiben. Umso mehr freut es uns, mit Lea Kaiser, Jana Schröpfer und Laura Tölle drei Gast­autorinnen gewonnen zu haben.

Als Besucher­innen und studen­tische „Background-Helfer­innen“ hatten wir das Ver­gnügen, am 28. Film- und Fernseh­wissen­schaftlichen Kollo­quium (FKK) teil­zu­nehmen, das vom 30.03. bis 01.04.2015 in Mann­heim tagte. Das FFK, das nach 1991 und 2005 bereits zum dritten Mal an der Uni­versi­tät Mann­heim statt­fand, wurde von einigen Mit­arbeitern und Mit­arbeiter­innen des Instituts für Medien- und Kommunikations­wissen­schaft organisiert – darunter Madeline Dahl, Sophie Einwächter, Andreas Wagen­knecht und Anja Peltzer sowie die Lost in TV-Betreiber Felix Kirschbacher und Sven Stollfuß. Die jähr­lich statt­findende Tagung, die vor allem auf den aka­demischen Mittel­bau und Nach­wuchs­wissen­schaftler­Innen aus­ge­richtet ist, bietet den Teil­nehmer­Innen eine Platt­form, ihre der­zeitigen Forschungs­projekte zu präsen­tieren und im Plenum zur Diskussion zu stellen. Die Organisator­Innen stellten in diesem Sinne verschie­dene interes­sante Panels zusammen, die einen thema­tischen Rahmen für die diversen Forschungs­interessen der Teil­nehmer­Innen boten. Begleitet wurden die Vorträge (samt Diskussions­runden) von spannenden Work­shops, die eben­falls von den Mit­arbeiter­Innen des Instituts für Medien- und Kommunikations­wissen­schaft geleitet wurden.

Nach­dem die Veran­stalter allen ein herz­liches Will­kommen gewünscht hatten, gab der geschäfts­führende Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikations­wissenschaft einen kurzen Über­blick über die Forschungs- und Lehr­schwer­punkte des Instituts sowie über die Historie der Stadt Mann­heim – eine Stadt, die laut ihm verschie­dene Pole vereine: Tradition und Moderne sowie Arbeit und Genuss bzw. „Arbeit und Vergnügen“. Letzteres setzte sich schnell als Leit­spruch für das dies­jährige FFK durch, das neben infor­mativen Vor­trägen auch genug Raum für ungezwungene get-togethers ließ.

Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft Hartmut Wessler begrüßt die BesucherInnen des FFKs

Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft Hartmut Wessler begrüßt die BesucherInnen des FFKs

Keyvan Sarkhosh (Frankfurt a.M.) eröffnete mit seinem Vor­trag über die Ästhetik des Trash-Films eines der parallel ausge­richteten Panels. Informativ und unter­haltsam gab er Einblicke in seine empirische Studie, die die affek­tiven, emotionalen und kognitiven Reak­tionen auf Trash-Filme erfassen soll. Er stellte sowohl sein Forschungs­design wie auch einige Hypo­thesen vor, darunter seine wohl zentralste Frage nach einem Moderator, der den nega­tiven Stimulus des Trash-Films – der durch­weg als „schlecht produziert“ und „billig“ wahr­genommen wird – in ein genuss­volles Erlebnis verwandelt. Seine Studie, die sich noch in der Aus­wertung befindet, lässt vermuten, dass vor allem der soziale Aus­tausch, sprich das persön­liche Gespräch nach dem Film, eine solche Moderator­variable darstellt. Neben der Schilderung zentraler Ergebnisse konnte Sarkhosh auch das ein oder andere Schmunzeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zaubern, was durch die Nennung von Trash-Filmen wie Surf Nazis Must Die (1987) oder den Verweis auf den „schlechtesten Film aller Zeiten“ – Plan 9 From Outer Space (1959) – schon fast von allein geschah. Sarkhosh nannte außer­dem mit dem Begriff der „Medien­nostalgie“ einen weiteren Faktor, der Trash-Filmen zu einer hohen Beliebt­heit verhelfe. Viele seiner Studien­teil­nehmer­Innen hatten Filme aus den 1970er oder 80er Jahren als die bekann­testen Trash-Filme ange­geben. Bei Sarkhoshs Vortrag konnten so auch einige Zuhörer­Innen an der Medien­nostalgie teilhaben.

Keyvan Sarkhosh während seines Vortrags zur Ästhetik des Trash-Films

Keyvan Sarkhosh während seines Vortrags zur Ästhetik des Trash-Films

Eines der Nachmittag-Panels füllte Philipp Blum (Stuttgart), der über „Filmisch Experi­mentellen Semi­doku­mentarismus“ referierte. Schwer­punkt seiner Forschung sind dabei die sogenannten „Mocku­mentaries“. Zualler­erst räumte Blum mit der weit­läufigen Behauptung auf, Mocku­mentaries sähen aus wie Doku­filme, seien dabei aber nicht „factual“. Seine Aus­führungen darüber, dass generell kein Dokumentar­film als factual bezeichnet werden könne – „Man denke da nur einmal an Triumph des Willens“ – leuchtete ein. Interessant war auch, dass Philipp sich in seiner Forschung über Mocku­mentaries und deren Verhält­nis zu Wirk­lichkeit und Fiktion den „queer“-Begriff aus den Gender-Studies entleiht. Dieser Begriff soll ihm bei einer gene­rischen Bestimmung eben solcher Filme helfen, die zwischen Doku- und Spiel­film liegen bzw. „weder das eine noch das andere“, oder, „beides zugleich“ sind.

Für einen heiteren, aber dennoch zum Nach­denken anregen­den Abschluss des ersten Tages sorgten Madeline Dahl und Franziska Roth (Mannheim) mit ihren Aus­führungen über „Konsensualität im rough porn“. Sie warfen dabei einen produkt­analy­tischen Blick auf diese Art von Porno­graphie, in der die Herab­würdigung und Nötigung von Frauen eine zentrale Rolle spielt. Madeline und Franziska schauten sich dezidiert an, wie der Akt in solchen Pornos dennoch als kon­sensuell ange­zeigt bzw. die „Frei­willig­keit“ der Frau heraus­gestellt werden kann. Beim Markt­führer kink geschehe dies beispiels­weise über verschiedene cues. So wird in einigen Videos ein Einstiegs­interview gezeigt, in dem die Frau über ihre Möglich­keiten informiert wird, den Dreh abzu­brechen. Auch spielt das set-up in vielen Videos eine zentrale Rolle, wobei Zeit inves­tiert wird, ein Narrativ aufzu­bauen, das Konsen­sualität suggeriert. Den wichtigsten Faktor der Produk­tion bildet jedoch das stets gezeigte End­inter­view, in dem die Frau ihre Konsen­sualität und ihren Spaß an dem Dreh versichert. Laut Madeline verwenden aber nicht alle Produktions­firmen solche cues, was in manchen Fällen stark bedenk­lich ist und die dring­liche Frage nach den Produktions­bedingungen aufwirft. Franziska gab im Anschluss an diese Produkt­perspektive einen Über­blick über vorhandene medien­psychologische Studien zur Gewalt­porno­graphie, die ihren Fokus fast ausnahms­los auf die negativen Aspekte des Pornokonsums richten. Dabei werden den Rezipient­Innenen unter anderem Aggression und Akzeptanz von rape myths als Effekte unter­stellt. Aus Franziskas Vortrag wurde aller­dings deutlich, dass diese Studien vorsichtig zu bewerten sind, da Meta-Analysen beispiels­weise zeigen, dass solche Effekte nur bei Experimental­studien nachzuweisen sind – nicht etwa bei Befragungen oder Interviews – und dass zwar häufig Gewalt, nie aber sexuelle Gewalt untersucht wird, da diese nicht simulier­bar ist. Diese Aus­führungen waren für uns sehr interessant, da sie zeigen, wie wichtig es ist, auch große und bedeutsame Studien kritisch zu hinter­fragen.

Madeline Dahl und Franziska Roth trugen zur Inszenierung von Konsensualität im rough porn vor

Madeline Dahl und Franziska Roth trugen zur Inszenierung von Konsensualität im rough porn vor

Tag zwei startete früh mit vielen unterschied­lichen Vorträgen, bis zur Mittags­pause stand einiges auf dem Programm. So befasste sich das „Störungspanel unter Moderation von Madeline Dahl mit Störungen in Spielen und Filmen. Bernhard Runzeimer  (Marburg) eröffnete das Panel mit der Frage „Bug or Feature?“ und gab eine kurze Erläuterung über verschiedene Stör­faktoren in Games, die extern und intern statt­finden können. Mitge­bracht hatte er Beispiele aus Skyrim, in dem die Gegner etwa nicht springen können (was einem als Spieler in vielen Situa­tionen Vor­teile verschafft) oder auch Fallout 3, in dem sich gewisse Logik­fehler verstecken. Anschließend folgte die Diskussion, inwieweit diese Bugs bzw. Fehler die Spieler­Innen tatsächlich stören, oder doch eher gerne ausge­nutzt werden. Zusätz­lich wurde die Frage aufge­worfen, ob sie vielleicht sogar von den Entwickler­Innen beabsich­tigt sind, damit die ersten Gamer­Innen das Spiel noch mitent­wickeln können. Dabei fiel der unter­halt­same Begriff der „Bananen­software“, die bei den Kunden eben noch reifen müsse. Nach einer kurzen Kaffee­pause ging der Vormittag munter weiter.

Besonders viel und aktiv wurde im Serien­panel diskutiert, das Jana Zündel (Bonn) eröffnete, die ihren Vortrag passender­weise über „Das anachro­nistische Cold Open in Breaking Bad“ hielt. Dabei wurde nicht nur über die Verwendung des Begriffs „Ana­chronismus“ diskutiert, sondern auch von Seiten der Teilnehmer­Innen interessante Vergleiche zu Serien wie The Good Wife gezogen.

Jana Zündel stellte verschiedene Funktionen des cold opens in Breaking Bad vor

Jana Zündel stellte verschiedene Funktionen des cold opens in Breaking Bad vor

Im Anschluss daran wurde von Jonas Nesselhauf und Markus Schleich (Saarbrücken) über das „Sense of an Ending“ in ‚Quality TV‘ referiert. Dieser Vortrag bot zum einen sehr viele Spoiler für die­jenigen, die das Ende von Serien wie Breaking Bad oder How I Met Your Mother noch nicht kannten. Zum anderen lieferte das Thema besonders viel Diskussions­stoff und spaltete so die Meinungen über das Ende von Lost, welches immer wieder thematisiert wurde. Der Diskussions­bedarf reichte noch in die Mittags­pause mit hinein, die direkt im Anschluss stattfand. Damit war der Teil für uns als studentische „Back­ground-Helfer­Innen“ an diesem Tag auch schon erledigt, da im Anschluss die „Kommission Lehre“ tagte und zum frühen Abend noch eine Plenums­sitzung für die FFK-Teilnehmer­Innen statt­fand. Eines der High­lights bot jedoch noch die am Abend steigende FFK-Party im Hage­stolz, die mit James-Bond-Kult­getränken wie der Martini-Variante „Vesper“ gebührend ihren Lauf nahm. Ein sehr gelungener Abschluss des zweiten Tages also.

Auch der dritte und letzte Tag des FFK brachte noch einmal interessante Beiträge mit sich. Eines unserer persön­lichen High­lights stellte dabei Valerie Kiendls (München) Vortrag zur Inszenierung und Inter­aktion mit dem urbanen Raum in Woody Allens europäischen Stadt­filmen dar. In seinen späteren Werken schwenkte der gebürtige New Yorker seinen Blick über den eigenen amerikanischen Teller­rand hinaus in die Metropolen Europas. In Matchpoint (2005), Vicky Christina Barcelona (2008), Midnight in Paris (2011) und To Rome with Love (2012) betrachtet er die Haupt­städte Englands, Kataloniens, Frank­reichs und Italiens zunächst durch eine ironisch-touristische Brille an ihrer stereo­typen Ober­fläche, inszeniert aber – so die These der Referentin – durch die Prota­gonisten und ihrer Inter­aktion mit der Stadt darüber hinaus auch deren spezifisch historisch-kulturellen Stadt­mythos. Die hitzige Diskussion im Anschluss knüpfte vor allem an die Frage nach dem hier vermuteten urbanen Erzähler oder dem doch eher kommerziell motivierten Erzähl­stil an.

Katharina Rein (rechts) moderiert die Diskussion zu Valerie Kiendls Vortrag zu Woody Allen-Filmen

Katharina Rein (rechts) moderiert die Diskussion zu Valerie Kiendls Vortrag zu Woody Allen-Filmen

Der Work­shop „Perspektiven auf Partizipativ­kultur“ von Vera Cutz-Leng (Marburg), Sophie Einwächter und dem Lost in TV-Betreiber Sven Stollfuß (Mannheim) stieß zum Abschluss des Tages interessante Über­legungen zu Forschungs­desideraten in Bezug auf User-Beteiligung innerhalb einer digital-vernetzten Medien­kultur an. So wurde ein Spannungs­feld zwischen producer– und user-generated content entfaltet, dessen Unter­suchung in verschiedenen Bereichen der Wissen­schaft eine enorme Relevanz bietet. Die drei Impuls­vorträge knüpften hierbei an Fernseh­forschung, Fan Studies und dem Social-Media Alltag wissenschaft­licher Praxis selbst an und wurden anschließend anregend diskutiert. Einige der Teilnehmer­Innen konnten interessante Über­legungen aus eigener Forschung beisteuern und aus dem regen Gespräch schließlich frucht­bare Ergänzungen schöpfen. Ein erfolgreicher Tages­abschluss also. Bei einer Tasse Kaffee klang der Nach­mittag gemütlich aus und nach den Abschieds­worten „ihr dürft dann jetzt alle nach Hause gehen“ begaben sich die Besucher­Innen bei herrlich wechsel­haftem 1. April-Wetter nach Hause.

(Alle Fotos: ©Wanda Koller)